Vergesellschaftung von Degus | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Vergesellschaftung von Degus

Degus sind in keinem Fall Einzelgänger und fühlen sich erst richtig wohl, wenn sie in einem Rudel kuscheln können. Doch mit der Zusammenführung verschiedener Einzeltiere oder auch Gruppen klappt es nicht immer auf Anhieb und die Deguhalter sollten sich vor allem in den ersten Tagen genügend Zeit nehmen, um die Tiere bei ihrem Kennen lernen zu beobachten.
 
© Beate Wöhe
Denn kommen ein oder mehrere Tiere in ein bestehendes Rudel, heißt das für die Tiere, dass die Rangordnung wieder neu gemischt werden muss. Wer gestern noch das ranghöchste Männchen war, kann nach den Rangkämpfen sogar bis hinter ein Jungtier abfallen. In einem solchen Fall ändert sich das Verhalten des ehemaligen Anführers schlagartig. Unter Umständen ist er von vorangegangenen Kämpfen lädiert. Er zieht sich so weit wie möglich an einen Ort zurück, an dem ihn so leicht niemand angreifen kann und verhält sich möglichst unauffällig.

Der neue Anführer dagegen wird zumindest die ersten Tage versuchen, seine Position nachhaltig zu stärken und dem Rudel durch fortwährende Angriffe zu zeigen, wer das Sagen hat. Sollte das unterlegene Tier länger als einen Tag permanent vom neuen Anführer angegriffen werden, sollten die Tiere getrennt werden, da sie sich mit ihren scharfen Zähnen ernsthafte Bisswunden zufügen können und das schon geschwächte Tier, das in freier Natur fliehen würde, in einem Käfig schlechte Karten hat. Das soll aber nicht heißen, dass der Halter 24 Stunden vor dem Stall sitzen muss. Es reicht, wenn man in Hörweite bleibt, denn im Streitfall oder bei einem Kampf machen sich Degus auch mit verschiedenen Angriffs- beziehungsweise Abwehrlauten lautstark bemerkbar. Ist es ein leises gemütliches Zwitschern, ist auf allen Seiten alles o.k. Hört man jedoch aus dem Stall über längere Zeit immer wieder ein lautes Quäken, wird es Zeit, nach dem Rechten zu sehen. Dann fühlt sich eines der Tiere hochgradig belästigt. Oft sieht man in einem solchen Fall zwei Degus, von denen einer vor dem anderen flieht oder sich beide auf den Hinterpfoten mit erhobenen Vorderbeinchen und offenem Maul kampfbereit gegenüberstehen. So weit muss es aber nicht immer kommen, jedoch sollte der Halter auf eventuell mehrtägige Auseinandersetzungen zur Festlegung der neuen Rangordnung vorbereitet sein. Erny und Bert, leben seit zwei Jahren bei uns. Leider wissen wir nicht genau, wie alt sie sind, da wir sie von einer Notfallstation abgeholt haben. Wir gingen davon aus, dass sie nun etwa drei oder vier Jahre alt sein müssten. Degus werden in Gefangenschaft im Durchschnitt fünf Jahre. Also wollten wir die beiden Jungs frühzeitig an neue Spielgefährten gewöhnen, damit im Falle eines Todesfalls der zweite Degu nicht ganz alleine sein muss. Und ganz nebenbei sollte auch wieder etwas Leben in den Stall kommen. Erny und Bert lagen saßen tagtäglich nur quer oder längs neben- und untereinander und bewegten sich nur, wenn die magische Futterhand in ihre Nähe kam. Wir entschieden uns also, zwei weitere Degu-Männchen als neue Mitbewohner zu holen und planten, die Tiere am ersten Abend auf neutralem Boden in unserem Vorraum aneinander zu gewöhnen.Wir transportieren die neun Wochen alten Degus Max und Moritz in einem Hamsterstall, den wir mit Heu und einem Teil des Bettchens aus dem Stall von Erny und Bert ausgelegt haben. So haben die beiden Kleinen bereits auf dem Transport die Möglichkeit, sich an die neuen Gerüche zu gewöhnen. Gleichzeitig nehmen sie im besten Fall bereits ein wenig des Geruchs an. In der Diele stellen wir den noch verschlossenen Stall ab und holen Erny und Bert aus dem Käfig. Da sich die beiden Großen jedoch irgendwie überhaupt nicht für ihre neuen Mitbewohner interessieren, lassen wir die Kleinen aus dem Stall. Ein paar Minuten später wird bereits beschnuppert und bestiegen. Das Besteigen dient bei Degus nicht immer der Fortpflanzung, sondern kann vor allem bei gleichgeschlechtlichen Tieren eine Freundschaftsgeste, aber auch ein Mittel zur Rangabklärung sein.

Während die Kleinen mit der Situation eher spielerisch umgehen, macht sich unter den beiden bisher langjährigen Kumpels bereits leichte Nervosität bemerkbar. Erny, der bisher das rangniedrigere Tier war, versucht Bert permanent zu besteigen, während dieser versucht die Flucht zu ergreifen. Die Szene wiederholt sich einige Male, bis sich Bert genervt umdreht, sich auf die Hinterbeine stellt und in Angriffsstellung geht.Nach etwa zwei Stunden zeichnet sich ab, dass das Problem des „neuen Rudels“ nicht die beiden Kleintiere, sondern die älteren Degus sind. Erny sieht eine Chance, der neue Rudelführer zu werden und besteigt die drei anderen Tiere permanent. Während ihm die Kleinen Max und Moritz oft bereits vorher davonflitzen, stellt sich Bert der Herausforderung, um seine alte Position zu verteidigen. Beide Großtiere schnaufen heftig und man sieht ihnen an, dass die Kämpfe noch nicht ausgefochten sind.

Wir entscheiden uns, vorab die Kleinen in den Stall zu setzen, damit sie ihre neue Umgebung erkunden können. Auch bei Max und Moritz steht bereits fest, wer das Sagen hat. Während Max den Stall bereits nach wenigen Minuten von links unten nach rechts oben durchstöbert und unterwegs sämtliches Futter eingesammelt hat, sitzt Moritz die meiste Zeit verschüchtert hinter der großen Schlafhöhle. Max ist es auch, der gleich ein Bad in der Sandbadewanne nimmt.

Nachdem die Kleinen sich im neuen Stall sichtlich wohl fühlen, setzen wir Erny und Bert dazu. Doch kaum sind alle vier zusammen, fängt Erny an, Bert wieder anzugreifen. Um Bert zumindest für die Nacht ein wenig Ruhe zu verschaffen, stellen wir anschließend den Hamsterkäfig in den Stall, packen ihm einen Teil des Kuschelnests, das er sich zusammen mit Erny gebaut hat, in den Stall und warten ab. Bert, der müde uns kaputt ist, vergräbt sich im Nest und es ist Ruhe. Die beiden Kleinen unterwerfen sich Erny, indem sie ihn leise anzwitschern und Näschen geben. Für die erste Nacht ist damit alles vorbereitet und es muss sich niemand Sorgen machen, dass größere Kämpfe ausgefochten werden.Neuer Tag, neues Glück. Nachdem Bert die Nacht im Einzelkäfig verbracht hat, wollen wir nun auch ihm die Gelegenheit geben, sich zusammen mit den beiden Kleinen wieder frei im Stall zu bewegen. Also kommt Erny in den kleinen Stall und Bert zu Max und Moritz. Auch hier gibt es keine Probleme. Beide kuscheln sich an Bert oder toben mit ihm quer durch den Stall. Bert sieht man aber noch an, dass er am Tag zuvor einige Kämpfe hinter sich bringen musste. Sein Fell ist struwelig und unter dem linken Auge hat er einen kleinen Kratzer. Auch mag er kein Pfefferminz-Degukeks aus der Hand nehmen, das er normalerweise förmlich aus den Fingern reißt. Auch sonst hat er keine Lust zu essen, während sich Max und Moritz durch die verschiedenen Futterstellen im Stall arbeiten.Nachdem Erny bis Mittag an den Gitterstäben des kleinen Stalls knabbert, lassen wir ihn wieder zu den anderen. Es dauert keine Minute und schon fängt er wieder an, Bert zu attackieren. Wir entschließen uns, die beiden nach draußen auf neutralen Boden zu setzen. Fünf Minuten später sind Erny und Bert im Freigehege im Garten – und es ist den ganzen Nachmittag Ruhe. Zwar geht Bert Erny noch immer aus dem Weg, aber die beiden schaffen es auch, sich eine Stunde ohne größeren Zwischenfall zusammenzukuscheln. Am Abend holen wir die beiden wieder in den Stall und schon gehen die Kämpfe wieder los. Bert verbringt eine weitere Nacht in Ruhe im Hamsterkäfig und Erny spielt bei den Kleinen den Zampano. Wir machen uns auf weitere Tage gefasst, an denen wir die vier Degus im routierenden Wechsel aneinander gewöhnen. In einigen Degu-Foren haben wir gelesen, dass das bis zu mehreren Wochen dauern kann. Wir reden den Jungs vor dem Schlafen gehen nochmal gut zu und versprechen ihnen für den nächsten Tag frischen Löwenzahn. Draußen ist strahlender Sonnenschein und das Gras lädt geradezu ein, arme geplagte Stalltiere an die frische Luft zu lassen. Aber wen mit wem zuerst? Da Bert die letzte Nacht wieder im kleinen Käfig verbracht hat, darf er als erster seine Beine vertreten. Er genießt es sichtlich und streckt im Gras alle Viere von sich. Außerdem sieht er nicht mehr ganz so zerfleddert aus, wie in den vergangenen beiden Tagen. Nachdem wir ihm eine halbe Stunde Ruhe gegönnt haben, holen wir Erny dazu. Es ist wie in den alten Tagen. Die beiden begrüßen sich per Nasenstups, reiben die Köpfe aneinander und legen sich im Eck übereinander – Ruhe. Mittags holen wir Max und Moritz dazu. Immer noch Ruhe. Es kann aber auch daran liegen, dass das Gras schon 10 Zentimeter hoch ist, und Erny und Bert nur die Ohren der beiden Kleinen zu sehen bekommen.

Und wie holt man vier Degus am schnellsten an den gleichen Ort? Man legt ein Bündel frisch gepflügter Löwenzahnblätter in das Freigehege. Für Löwenzahn tun die Jungs alles. Nach dem Mittagessen ist Gruppenkuscheln angesagt und bei unseren gelegentlichen Stippvisiten herrscht Ruhe und Einklang. Um diesen Zustand beim abendlichen Umzug in den Stall beizubehalten, präparieren wir diesen vorab mit Leckerlies und Löwenzahnblättern, die wir an verschiedenen Stellen verstecken. Nach dem Abendessen bringen wir Bert trotzdem wieder in den kleinen Stall, damit er sich noch eine Nacht alleine erholen kann, ohne Angst vor Angriffen zu haben.Heute drehen wir erneut den Spieß um. Die Kleinen dürfen alleine ins Freigehege, während die beiden Großen alleine im Stall bleiben. Erny und Bert verstehen sich und es gibt keinerlei Streitigkeiten. Nur Eines ist anders. Nun ist es Bert, der ehemalige Chef, der Erny, dem neuen Rudelführer am Nacken beknabbert. Es scheint, als sei nun eine neue Rangfolge hergestellt und jedes Tier hat sich schnell in seine neue Rolle eingelebt. Nur für uns Menschen ist es ungewohnt, dass sich der vor einigen Tagen noch herrische Bert nun bei Erny geradezu anbiedert. Diese Degus soll einer verstehen.

Am Nachmittag holen wir Max und Moritz aus dem Außengehege in den Stall und nach ein paar Runden Verfolgungsjagd fallen alle vier müde zusammen. Es dauert wie immer ein paar Minuten, bis geklärt wird, wer über, neben oder unter wem liegen darf. Aber dann kehrt ziemlich bald Ruhe ein. Ein neu geordnetes, zufriedenes Rudel sieht seiner ersten gemeinsamen Nacht entgegen.

Der nächste Tag verläuft in gewohnter Degumanier: Kuscheln, fressen, kuscheln, fressen. Zwei Dinge haben Max und Moritz von ihren Vorbildern bereits nach dieser kurzen Zeit gelernt:
  1. Wenn es Futter gibt, ist sich jeder der Nächste und schlägt alle anderen lautstark in die Flucht.
  2. Auf der Wichtigkeitsskala im Leben eines Degus folgt das Kuscheln mit den Artgenossen dicht auf das Futter. (Beate Wöhe)


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