Der Reitsport auf dem Irrweg: Müssen die Pferde leiden? | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin
Trainingsmethoden im Fokus

Der Reitsport auf dem Irrweg: Müssen die Pferde leiden?

Einige Reiter verwenden Trainingsmethoden, die unter dem Begriff „Rollkur“ heftig diskutiert werden. Ist die artgerechte Ausbildung von Pferden nicht mehr zeitgemäß? Klaus Balkenhol, Olympiasieger, Ex-Weltmeister und ehemaliger Nationaltrainer, bezieht klar Stellung.
 
Der Reitsport auf dem Irrweg: Müssen die Pferde leiden? © Annette Hackbarth/Ein Herz für Tiere Media GmbH
Am Anschlag. Die Kandare voll auf Zug, Unterkiefer und Zunge zusammengequetscht. Mimik wie hochgezogene Nüstern und aufgerissenes Maul zeigen Schmerz.
Wir wollen die Pferde durch systematische Gymnastizierung für die jeweilige Disziplin stark machen, den Körper und den Kopf. Dabei darf das Partnerschaftliche mit dem Pferd nicht in den Hintergrund treten.“ So beschreibt Klaus Balkenhol den Sinn der Dressur. So gerittene Pferde begeistern durch Ausstrahlung, Kraft und Eleganz. Leider sehen wir heute zum Teil ganz andere Bilder.

Wie überall ist auch der Reitsport kommerzieller geworden. Sehr gute Pferde bringen Spitzenpreise, mehrere Hunderttausend Euro sind die Regel, die große Ausnahme nach wie vor die über zehn Millionen Euro, die angeblich für den Wunderhengst Totilas bezahlt worden sind. Wer Pferde erfolgreich in den Sport bringt, kann sie und andere teuer verkaufen. Käufer und Mäzene stellen diese wiederum namhaften Reitern zur Verfügung und wollen für ihre Investition Erfolge sehen. Und dies oft schnell. Verweigert ein Pferd angesichts des hohen Ausbildungstempos die Mitarbeit, oder gerät physisch oder psychisch an seine Grenzen, wird nicht selten zu Methoden gegriffen, die einst in der klassischen Dressur geächtet waren. Klaus Balkenhol: „Dort, wo man schnelle Erfolge will oder wenn das Pferd auch mal stärker sein sollte als der Reiter, sieht man, dass das Pferd in eine gewollte Hilflosigkeit hineingearbeitet wird. Es geht mit dem Kopf nach unten und kann nur noch den Boden anstieren. Ihm wird eine Demutshaltung aufgezwungen, in der es sich nur noch unterwerfen kann. Doch das wollen wir nicht.“

Kommerz oder Unkenntnis?

Bekannt wurde diese Form der Reiterei als „Rollkur“. Der Hals des Pferde ist maximal eingerollt, bis es mit dem Maul fast die Brust berührt. Dies ist schmerzhaft, da die Halsmuskulatur dabei ebenso überdehnt wird wie das Nackenband: Die Konstruktion, die das ganze Pferd sozusagen zusammenhält und überhaupt erlaubt, dass ein Reiter auf ihm sitzen kann. Einige Reiter beugen sich, vor allem aber die ihnen anvertrauten Pferde, dem kommerziellen Druck. In den mittleren und unteren Stufen der Reiterei ist es oft Unvermögen, das einige Reiter verleitet, den klassischen Weg des Miteinanders zu verlassen. Auf dem Abreiteplatz wird das Pferd gefügig gemacht, in der Prüfung aber ansprechend vorgestellt.

Balkenhol findet klare Worte: „Viele Reiter haben die Möglichkeiten, Pferde mit klassischen Methoden zu fördern, doch es war immer leichter, wenn sie ein bisschen nervös waren, wenn man sie tief eingestellt hat bis zur Überflexion – derart über die Maßen aufgerollt hat der Reiter mehr Gewalt über sie. Das machen auch Reiter, die wirklich etwas vom Fach verstehen. Aber wenn ein Pferd reell ausgebildet ist, von Anfang an, muss man es nicht in eine solche Zwangshaltung bringen.“ Bei der FN (Deutsche Reiterliche Vereinigung) hat 2010, auch aufgrund vieler Proteste, ein „Runder Tisch“ stattgefunden, um aggressives Reiten und Rollkur zu verhindern. Stewards sollen das Reiten auf dem Abreiteplatz überwachen.

„Rollkur“ verboten, aber „LDR“ ist erlaubt

Weiteres Ergebnis war ein neuer Begriff: „LDR“ – und dies ist für zehn Minuten erlaubt. Balkenhol dazu: „Man muss sich mal klarmachen, was das heißt: LDR – Low, Deep und Round – die Begrifflichkeit stimmt ja schon nicht.“ Ein Pferd rund zu reiten bedeutet im ursprünglichen Sinne, es locker und entspannt vorwärts-abwärts zu reiten, das Genick darf dabei nicht eng gezogen werden. „Stattdessen wird der Begriff als Alibifunktion benutzt, um Pferde in Hyperflexion (Überdehnung) reiten zu dürfen, in eine gewollte Hilflosigkeit – und dies für zehn Minuten, weil es so festgelegt wurde. Das ist meines Erachtens Blödsinn. Der Reiter legt zwischendurch den Zügel aus der Hand – und dann kann er das noch einmal machen. Ich frage mich wirklich, was die Offiziellen sich da haben einfallen lassen. Das hat mit pferdegerechter Ausbildung nichts zu tun.“

Und die reine Lehre?

Von Natur aus ist das Pferd nicht dazu gedacht, einen Reiter zu tragen. Damit es dies aber tun kann und dabei lange gesund bleibt, muss es trainiert und gymnastiziert werden. Dies bedeutet „Dressur“ – die systematische Ausbildung, und dass sich Reiter und Pferd verständigen können. Einst stellte das Pferd einen existenziellen Wert dar. Wessen Pferd gut geritten und gesund war, dessen Überlebenschancen waren im Krieg deutlich höher. Dafür wurde viel Zeit in die Ausbildung investiert. Aus dieser Zeit stammen die ersten Reitlehren. Das älteste vollständig erhaltene Schriftstück der Welt ist die Reitlehre des Griechen Xenophon „Über die Reitkunst“ von etwa 400 v. Chr. Sie gilt im Grunde bis heute, und viele ihrer Grundsätze finden sich in den „Richtlinien für Reiten und Fahren“. Diese basieren auf der Heeresdienstvorschrift von 1912. Jüngst wurden sie überarbeitet, sprachlich und inhaltlich entstaubt – doch egal, welche Ausgabe es ist, sie gilt den Anhängern der klassischen Lehre geradezu als Bibel. Schließlich stecken zweieinhalb Tausend Jahre Erfahrung dahinter.

Auch Klaus Balkenhol arbeitet mit ihr und hat seine Pferde nach den klassischen Richtlinien ausgebildet. Der einstige Beamte der Berittenen Polizei schaffte mit einem Pferd den Sprung an die internationale Dressurspitze, das gerade einmal 4000 D-Mark gekostet hatte: Rabauke, Balkenhols Dienstpferd, mit dem er sonst Streife ritt. Bei einem Lehrgang wurden die beiden vom damaligen Nationaltrainer Willi Schultheis entdeckt. Später folgte Goldstern, ebenfalls ein Dienstpferd, das zum Olympia- und Weltmeisterschaftspferd wurde. Für 6700 D-Mark gekauft, war auch er kein Ausnahmetalent und nicht immer einfach: „Der war körperlich nicht so ausgestattet wie die Pferde heute, hatte keine ausgeprägte Eignung und hätte auch Springpferd werden können. Doch vom Kopf her war das einer, der sagte ‚Ich will was‘“. In jungen Jahren bezeichnete Balkenhol ihn auch als „Flegel mit enormem Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft“. Er machte aus dem übermütigen Jungspund eine „echte Bank“, wie die Reiter sagen. Goldstern wurde zu einem verlässlichen Partner, im Dienst und im Dressurviereck.

Ausbilder gesucht

„Ich hatte damals die Zeit“, sagt Balkenhol, „ich hatte keinen Besitzer hinter mir, der gesagt hat, du musst jetzt Grand Prix reiten. Ich hatte einen Chef, der gesagt hat, du musst deinen polizeilichen Dienst versehen, auf der Straße und im Gelände, und deine Arbeit machen.“ Er ritt seine Übungen dort, meist gingen sie fast spielerisch vonstatten. „Das Pferd hat oft ‚gesagt‘, so machst du das falsch oder richtig – wenn man in das Pferd hineinhorcht und seine Sprache versteht, das ist das Entscheidende.“ Dazu hat ihn sein Vorgesetzter und Ausbilder Otto Harwig angeregt. „Ein sehr bescheidener Mann, der immer zuerst das Wohlergehen der Pferde im Sinn hatte.“ Einen weiteren Grund für die Abkehr vom pferdegerechten Reiten sieht Balkenhol in der Ausbildung – und dass die Pferde immer besser geworden sind. „Heute haben wir Top-Pferde. Sie haben eine so wunderschöne Halsung und sind von der Rücken- und Hinterhandmuskulatur optimal ausgestattet. Das hatten die Pferde früher nicht, weil sie nicht für diese Art der Reiterei gezüchtet worden sind. Es verführt aber dazu, dass die Ausbildung nicht mehr so genau genommen wird.“

Die Zucht sei so hervorragend geworden, dass man mit der guten Ausbildung nicht mehr richtig nachkommt. „Allerorten wird versucht, sie zu bieten. Dazu braucht man ordentliche Trainer und Ausbilder, und die FN bemüht sich sehr darum. Aber es gelingt nicht immer – wie in allen Sparten des Sports. Vieles ist besser geworden, gerade in der Haltung. Die Pferde werden umsorgt, gehegt und gepflegt. Sie müssen aber auch Auslauf bekommen, um sich ausleben zu können. Die artgerechte Haltung hat aber auch damit zu tun, wie man mit dem Pferd umgeht. Es ist eine Charakterfrage, ob man ein Pferd als Pferd behandelt, oder aus ihm ein Werkzeug macht.“
 

Von Annette Hackbarth

 

Fotos: 
Annette Hackbarth/Ein Herz für Tiere Media GmbH
Artikel aus Ein Herz für Tiere Ausgabe 10/2015. Jetzt abonnieren!
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