Wenn Sittich, Kanari oder Zebrafink entwischt sind | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Wenn Sittich, Kanari oder Zebrafink entwischt sind

Ein gekipptes Fenster oder eine Tür, die einen Spalt breit offen ist, und der Vogel ist entwischt. In so einem Fall gilt es vor allem einen kühlen Kopf zu bewahren. Mit einigen Tricks gelingt es Ihnen vielleicht, den Ausreißer wieder einzufangen.
 
© Thomas Max Müller / Fotolia
Denken Sie daran: Anders als Hund, Katze und Kaninchen kennt Ihr Sittich, Kanari oder Zebrafink die Welt draußen nur vom Hören-Zwitschern.
Es passiert in Sekundenschnelle. Unbedachtes Hantieren am Käfig, ein gekipptes Fenster trotz Freiflug, ein Windstoß, der den Balkonkäfig umkippt, und schon ist der Vogel auf und davon. Bis Sie ihn wiederhaben, steht Ihnen eine Nervenprobe bevor. Nur nicht durchdrehen. Rennen Sie keinesfalls hinterher, sondern bewahren Sie Ruhe. Nachdenken und überlegtes handeln hilft in so einer Situation am ehesten.

Eine unbekannte Welt

Wie jedes Tier, das sich urplötzlich fern der vertrauten Umgebung, mitten in einer unbekannten, bedrohlich wirkenden Welt ohne Schutzwände wiederfindet, reagieren auch Vögel. Sie „verwildern“ in Bruchteilen von Sekunden, der Stress mobilisiert brachliegende Instinkte und Verhaltensmechanismen. Sie suchen Schutz im Dickicht von Baumwipfeln und rühren und regen sich nicht mehr. Ihre Stimme dringt nicht ins Bewusstsein der Vögel. Jede Ihrer Bewegungen löst höchstens einen weiteren Flucht- und Flugreflex aus. Also tun Sie ebenfalls erst einmal nichts. Denken Sie daran: Anders als Hund, Katze und Kaninchen kennt Ihr Sittich, Kanari oder Zebrafink die Welt draußen nur vom Hören-Zwitschern oder aus einer einzigen Perspektive: der vom Fenster aus. Er kann gar nicht den Weg zurückfinden, weil er dieses Fenster niemals zuvor aus der jetzigen Vogelperspektive gesehen hat.

Nutzen Sie Nacht und Nebel

Handzahme und festverpaarte bzw. im Schwarm lebende Vögel werden nach geraumer Zeit Kontaktrufe ausstoßen. Machen Sie dann keinen Fehler. Rühren Sie sich nicht von der Stelle, aber erwidern Sie den Ruf. Oder lassen Sie den/die Partner Ihres Entflogenen antworten und entfernen Sie sich aus deren Nähe. Sie haben nur eine Chance, wenn der Vogel freiwillig kommt, sich so weit nähert, dass Sie ihn greifen oder das Fenster wieder schließen können.
Sonst bleiben Ihnen nur Wasser, Nacht und Nebel als Hilfe. Denn: Unsere exotischen Vögel sind fast ausnahmslos nachtblind und lassen sich in der Regel ohne Gegenwehr greifen und fangen. Und sie sind fast alle flugunfähig, wenn sie komplett durchnässtes Gefieder haben. Ist Ihr Flüchtling also in erreichbarer Nähe, können Sie versuchen, ihn regelrecht mit Wasser einzunebeln und so lange den Schlauch draufzuhalten, bis jeglicher Fluchtversuch unmöglich wird. Oder Sie behalten ihn im Auge, entdecken sein Schlafquartier nachts und holen ihn dann einfach. Wenn auch das nicht hilft, der Vogel aber noch nicht über alle Berge ist: Versuchen Sie, ihn anzufüttern, bleiben Sie weg von der Futterstelle, mischen Sie ein vom Tierarzt dosiertes Schlaf- oder Beruhigungsmittel in den „Köder“.

Zähe Exoten

Ein bisschen Trost sollte Ihnen, wenn Sie ihn nach drei Tagen noch nicht wiederhaben, die Tatsache sein, dass auch die zartesten Exoten draußen oft genug dem Klima trotzen, sich heimischen oder arteigenen Schwärmen anschließen und überleben. Die Chancen für entflogene Vögel, durchzukommen, sind gar nicht so schlecht: Hunger und Erschöpfung zwingen viele zurück in „vertraut wirkende“ Gärten oder Balkontüren oder lassen sie erschöpft auf Wegen landen, wo ein Finder sie aufnehmen kann. Wer Futter und Quartier findet, kann – Beispiele gibt’s genug – jahrelang draußen überleben. (Ursula Birr)
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