Verhaltensstörungen bei Ziervögeln | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Verhaltensstörungen bei Ziervögeln

Papageien und Sittiche faszinieren Menschen seit dem Altertum. Doch die Liebe der Menschen bekommt den Vögeln nicht immer gut. Denn viele Halter nehmen keine Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse der Sensiblen.
 
© Thomas Brodmann / animals-digital.de
Gibt es Problemverhalten bei Ziervögeln?
Was bringt einen Vogel dazu, sich selbst zu verstümmeln, sich zu rupfen oder sich gar die Brust blutig zu hacken? Das sogenannte Federrupfen gehört zu den häufigsten Verhaltensstörungen von Aras, Graupapageien und Kakadus. 

Es beginnt meist harmlos

Die Vögel putzen sich intensiv und beknabbern sich spielerisch. Irgendwann, häufig beim Eintritt der Geschlechtsreife, zupfen sie sich die ersten Federchen heraus. Aus den vereinzelten Federn werden Büschel, und bald entstehen die ersten kahlen Stellen im Federkleid. Mancher Ara, Kakadu oder Graue kann sich damit noch nicht zufrieden geben und nagt sich auch noch die Haut blutig. Aber auch andere Papageien und Sittiche können seelisch aus dem Lot kommen. Sie werden dann zu Dauerschreiern, führen stundenlang die gleichen Bewegungen aus oder attackieren ihren Pfleger oder seine Familie. Was genau in seinem Kopf vorgeht, wenn der Vogel „verrückt“ wird, kann wohl niemand sagen. Vielleicht kann man die Tiere ein wenig besser verstehen, wenn man die Haltung in Menschenobhut mit ihrem Leben in Freiheit vergleicht.

Anzeichen für Angst und Panik

Papageien und Sittiche sind Vögel, die in der Natur immer in der Gesellschaft von Artgenossen leben. Zu ihrem Partner bauen sie eine enge Beziehung auf, die oft ein Leben lang hält. Vögel, die in Schwärmen leben, finden in dieser Gemeinschaft Schutz vor den Angriffen hungriger Raubvögel. Da Papageien und Sittiche Beutetiere sind, jagen ihnen schnelle Bewegungen und Schatten leicht Angst ein. Ein Ausdruck höchster Panik ist übrigens, wenn sich der Vogel ins Käfiggitter verbeißt und verkrallt und dabei stocksteif wird. Sie müssen dann schnellstens die Ursache seines Schreckens beseitigen. Vögel, die dauernd in Angst leben, stehen unter Stress, sind verunsichert und neigen besonders zu Verhaltensstörungen. 

Anpassungsfähigkeit

Die intelligenten Vögel haben sich durch ihre Anpassungsfähigkeit von den Wüsten Australiens bis zu den Regenwäldern Südamerikas viele Lebensräume erobert. Diese Anpassungsfähigkeit macht es erst möglich, dass sich ein Papagei oder ein Sittich eng an seine Menschen anschließt und „zahm“ wird. Genetisch aber bleiben Papageien und Sittiche, bis auf einige domestizierte Ausnahmen, Wildtiere, auch wenn sie in Gefangenschaft oder mit der Hand aufgezogen wurden.

Grenzen der Anpassungsfähigkeit

Doch die Anpassungsfähigkeit hat Grenzen, und wenn diese überschritten werden, wird der Vogel psychisch krank. Am schlimmsten ist die Einzelhaltung. Die Vögel brauchen den ständigen Kontakt zu ihrem Partner wie die Luft zum Atmen. Fehlt ein Artgenosse, wird sich der Vogel einen anderen Partner suchen, oft den Menschen, der den Vogel pflegt. Der Mensch aber wird, so sehr er sich auch anstrengen mag, nie ein Artgenosse und ein echter Partner werden. Manchmal findet der Vogel auch einen „Ersatzpartner“ in einem Gegenstand. Besonders beliebt sind Spiegel und Plastikvögel – beides Gegenstände, die in einem Vogelkäfig nichts zu suchen haben: Sie machen den Vogel völlig „irre“, weil sie nicht auf ihn reagieren.

Langeweile als Ursache für Verhaltensstörungen

Auch Langeweile führt zu Verhaltensstörungen. In ihren natürlichen Lebensräumen sind die Vögel den lieben langen Tag beschäftigt. Sie sind auf Nahrungssuche, bauen Nisthöhlen, fliehen vor Feinden, streiten mit ihren Nachbarn, versorgen ihre Jungen, turteln mit ihrem Partner. Ganz anders sieht es oft in Menschenobhut aus: Käfige, gerade mal so groß, dass der Vogel seine Flügel ausbreiten kann, die Nahrungssuche fällt aus, weil der Futternapf direkt vor der Vogelnase steht. Statt des steten Geplauders mit dem Partner höchstens ein bis zwei Stunden Zwiesprache mit einem Wesen, das weder „papageiisch“ noch einen „Sittichdialekt“ spricht. Wer würde eigentlich unter solchen Umständen nicht „verrückt“? Solch gelangweilten Vögeln muss der Halter viel Gelegenheit zum Freiflug geben und sie mit Spielzeug (Schaukeln, Kletterseile) beschäftigen. Die Vögel sollten außerdem Aufgaben bekommen. Zum Beispiel kann man das Futter in Kartons verstecken oder über den Boden eines Zimmers verteilen, so dass sich der Vogel für jeden Futterbrocken anstrengen muss. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Ideal für die Vögel wäre es, wenn man ihnen die Möglichkeit der Jungenaufzucht geben würde. Wer das vorhat, braucht allerdings die Genehmigung des Amtstierarztes (Psittakoseverordnung).

Weitere Ursachen

Neben der Langeweile führt auch eine zu niedrige Luftfeuchtigkeit zum Federrupfen. Die ausgetrocknete Haut juckt und die Vögel versuchen sich mit Beknabbern Erleichterung zu verschaffen. Das Problem beim Federrupfen ist, dass sich diese Unart häufig so verfestigt, dass der Vogel an ihr festhält, selbst wenn man alle Auslöser gebannt hat. Zur Belastung für die Familie und meist auch die ganze Nachbarschaft werden „Dauerschreier“, denn so eine Papgeienstimme ist äußerst laut und wenig schön. Dabei muss man unterscheiden, ob das Schreien zum natürlichen Verhalten gehört oder es sich um Verzweiflungsschreie handelt. Das Rufen nach den Artgenossen am Morgen und am Abend ist normal. Antworten die Kameraden auf die Rufe, kehrt bald wieder Ruhe ein. Der Vogel weiß dann: „Ich bin nicht allein!“ Bleiben die Antworten aus, wird je nach Charakter des Vogels eventuell weiter geschrieen. Daher ist es auch falsch, ein balzendes und damit lautes Pärchen zu trennen – der zurückgelassene Vogel wird sich in der Regel die Seele aus dem Leib schreien, um seinen Partner herbeizurufen.

Vorsicht bissiger Vogel!

Mit ihren Schnäbeln können Papageien erhebliche Verletzungen verursachen. Bekannt als besonders „bissig“ sind Amazonen und Kakadus. Häufig greifen diese Vögel aus Eifersucht an. Nämlich dann, wenn sie auf einen menschlichen Partner fehlgeprägt sind. Die Ehefrau oder der Ehemann dieses „Ersatzvogels“ haben dann nichts mehr zu lachen. Auch wenn es komisch klingt, wenn das geplagte Ehegespons erzählt, dass der Kakadu nun einen Platz im Ehebett für sich beansprucht. Auf Dauer ist das aggressive Verhalten eines solchen Vogels unerträglich. In einem solchen Fall hilft nur die Vergesellschaftung mit einem Artgenossen. Doch die ist gerade bei einem auf einen Menschen fixierten Vogel schwierig, denn die Tiere akzeptieren nicht jeden Partner. Am besten, man bringt den Vogel zu einer Papageienstation, wo der Vogel sich seinen neuen Partner aus einer ganzen Schar von Artgenossen aussuchen kann. Die Partnersuche ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Alle Vögel, die für die Partnerwahl in Frage kommen, müssen in eine für sie fremde Voliere gebracht werden, damit es nicht zu Revierverteidigungs-Kämpfen kommt. Dann heißt es abwarten und hoffen, dass der eigene Vogel den Partner fürs Leben findet. (Barbara Welsch, Tierärztin)
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