Weißstorch - Verlorene Reiselust | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Weißstorch - Verlorene Reiselust

In den letzten Jahren sieht man bei uns auch während der kalten Jahreszeit immer wieder einzelne Weißstörche herumstreunen und im Schnee nach Nahrung suchen. Warum sind sie nicht wie ihre Artgenossen nach Afrika gezogen, wollten wir von Experten wissen
 
© animals-digital.de
Im Volksmund heißt es, dass Störche die Babys bringen.
Fast vier Monate im Jahr verbringen unsere Weißstörche mit Reisen: Bis nach Südafrika sind es immerhin zehntausend Kilometer Luftlinie. Und diese Strecke müssen die Vögel zweimal im Jahr zurücklegen. Im Herbst fliehen sie vor dem Nahrungsmangel im winterlichen Europa und im Februar beginnen sie schon mit dem Rückflug in ihre europäischen Brutgebiete. Von klein auf kennen Störche ihren Zugweg nach Afrika, er ist ihnen angeboren. Je nach Brutgebiet fliegen die einen rechts (über Gibraltar), die anderen links (über den Bosporus) ums Mittelmeer herum. Doch manche Tiere haben sich ausgeklinkt aus dieser Reisegesellschaft und verbringen die gesamte Winterzeit in Europa.

Kleinkrebschen – Fundgruben für Vogelfutter

Im südlichen Spanien, in Andalusien und der Extremadura, überwintert alljährlich eine zehn- bis zwanzigtausendköpfige Population. Der Grund für die Reiseunlust: Die Zugvögel haben dort neue, zusätzliche Nahrungsressourcen aufgetan, erzählt Kai-Michael Thomsen vom NABU-Institut für Wiesen und Feuchtgebiete in Bergenhusen. Neben den zahlreichen Mülldeponien, wo es nur so an nahrhaftem Kleingetier, wie Insekten und Nagern, wimmelt, sind auch die Bewässerungskanäle und die Reisfelder wahre Fundgruben für ein neuartiges Vogelfutter geworden: Aus den USA eingeschleppte Kleinkrebschen haben sich in den künstlichen Gewässern angesiedelt und kräftig vermehrt. Seit Mitte der achtziger Jahre existiert diese „Überwinterungspopulation“. Brutvögel aus Spanien haben den Anfang gemacht, aber inzwischen gehören zu den Reiseunwilligen auch Tiere aus Deutschland.

Fehlende Thermik verhindert den Abflug

Auch in Deutschland überwintern Störche. Vielleicht einige Hundert, sagt der Storchenexperte. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht. Dass sie den Zug in den Süden nicht mitmachen, dafür gibt es mehrere Ursachen. Störche, die von einer Verletzung nicht rechtzeitig genesen sind und den Abflug der Artgenossen verpasst haben, machen sich nachträglich nicht mehr alleine auf den Weg, weiß Biologin Oda Wieding vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern. Bei dem meist schlechteren Wetter im Herbst fehlen ihnen die warmen Aufwinde, die es ihnen ähnlich den Segelfliegern ermöglichen, in der Thermik kreisend eine große Höhe zu erreichen und dann mit kräftesparendem Gleitflug eine lange Strecke zu überwinden.

Verlust der Instinkte

„Pflegestörche“ können ihren Zugtrieb ebenfalls verlieren. Wenn sie sich zu sehr an den Menschen und die regelmäßige Versorgung mit Futter gewöhnt haben, gehen ihre natürlichen Instinkte verloren. Vögel aus Zoos zählen dazu, und auch solche, die als Waisen in menschliche Obhut und Abhängigkeit gelangten. Es kann also gut möglich sein, dass ein Brutpaar sich im Herbst trennt und der eine Partner sich der großen Reisewelle anschließt und der andere sich hier sein Auskommen, Regenwürmer, Mäuse, kleine Fische, sucht. Solange keine geschlossene Schneedecke liegt, findet ein Storch genug Nahrung. Die Kälte macht dem großen Vogel kaum etwas aus, er kann Wärme wesentlich besser speichern als z.B. die kleinen Singvögel wie Meisen, die immer bei uns überwintern.

Hierbleiben ist keine Lösung für die Zugvögel

Darüber hinaus gibt es Weißstörche aus Aufzuchtstationen in der Schweiz oder Baden-Württemberg, deren Vorfahren aus Marokko stammten. Und die sind genetisch natürlich anders programmiert als die aus winterkalten Ländern. Wenn Störche bei uns überwintern, dann steckt dahinter also immer Manipulation durch Menschen.

Man könnte meinen, es wäre die Lösung, wenn sich immer mehr Störche die weite und gefährliche Reise sparen würden. Dann würden weniger Tiere verunfallen, verhungern oder Jägern zum Opfer fallen. Aber das ist ein Trugschluss. „Ein harter, schneereicher Winter und viele überwinternde Störche – das wäre ein großes Problem“, erinnert Kai-Michael Thomsen. (Nina Blersch)
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren