Haben Wölfe uns menschlich gemacht? | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Haben Wölfe uns menschlich gemacht?

Nächstenliebe gegenüber unseren Mitmenschen, selbstloses Handeln, Toleranz, Hilfsbereitschaft … Werte, die wir gerne als typisch menschlich ansehen. Doch einige Forscher sind der Meinung, dass selbst wir diese Tugenden erst erlernen mussten.
 
© Foto: Thomas Brodmann
Foto: Thomas Brodmann
Konrad Lorenz, der weltbekannte österreichische Verhaltensforscher, hat einmal gesagt, dass nicht der Affe, sondern der Hund von seiner Psyche und seinem Verhalten her dem Menschen am nächsten steht. Ein recht schmeichelhafter Vergleich, bezeichnet Primaten-Expertin Jane Goodall unsere nächsten lebenden Verwandten, die Schimpansen, doch als extrem selbstsüchtige und egoistische Tiere. Echte Individualisten sollen sie sein, deren sozialen Bande sich meist nur auf den engsten Familienkreis beschränken, insbesondere auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Zugegeben, dieses Verhalten ist auch uns manchmal nicht fremd, aber wir können doch auch anders. Schließlich machen wir unseren Freunden Geschenke, zeigen Mitgefühl für trauernde oder notleidende Mitmenschen, spenden Gelder für Flutopfer, übernehmen Verantwortung und bringen im Teamwork ungeahnte Leistungen zustande … sind ganz einfach menschlich. Doch woher haben wir diese Eigenschaften, wenn nicht von unseren Primaten-Vorfahren? Der Wiener Verhaltensforscher Wolfgang Schleidt ist davon überzeugt: vom Wolf.

Lehrer in Sachen Menschlichkeit

Der ehemalige Assistent von Konrad Lorenz am Max- Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen (Bayern) und 1985 bis 1993 Direktor des Konrad-Lorenz- Instituts in Wien geht davon aus, dass sich Mensch und Wolf im Laufe der Geschichte gegenseitig aneinander angepasst haben. Eine Entwicklung, die in der Biologie als Co-Evolution bezeichnet wird. Ohne den Menschen gäbe es keinen Hund, jedoch auch umgekehrt: ohne Wolf nicht den modernen Menschen.Seiner Meinung nach begegnetenunsere Vorfahren dem Wolf während der Eiszeit vor mindestens 20.000, eventuell sogar schon vor 120.000 Jahren. Als Nomaden zogen damals die Menschen in kleinen Familiengruppen mit den riesigen Rentierherden mit. Ebenso taten es die Wölfe, die es ebenfalls auf die Huftiere abgesehen hatten. Dabei konnten die Menschen beobachten, wie die Rudeltiere als perfekt eingespieltes Team auf die Jagd gingen. Sie sahen auch, wie liebevoll Wölfe gemeinschaftlich ihre Jungen großzogen, wie alle an einem Strang zogen zum Wohle der gesamten Gruppe. Das war für die Urmenschen neu.

Nach und nach kamen sich Wolf und Mensch näher, denn beide Arten lernten die Vorzüge eines engen Zusammenlebens zu schätzen: Die Wölfe bekamen zum Beispiel die Überreste der Beutetiere, die der Mensch erlegt hatte. Gleichzeitig hielten sie auf diese Weise das Lager sauber und Ungeziefer und andere Raubtiere fern. Später erwiesen sich die frühen Hundeformen als nützliche Wächter des Lagers oder als willkommene Helfer bei der Jagd.

Im Laufe der Zeit lernten die frühen Menschen zu handeln und zu denken wie Wölfe und übernahmen zum Teil die komplexen sozialen Strukturen, die innerhalb eines Wolfrudels herrschen. Das erwies sich als immenser Vorteil, denn durch das Jagen in der Gruppe konnten beispielsweise größere Beutetiere erlegt werden, Probleme ließen sich im Team viel leichter lösen, auch die Erziehung und Fürsorge für den Nachwuchs verbesserten sich. Und das Schließen von Freundschaften auch außerhalb der Familie ermöglichte es den frühen Menschen, Ideen und Entdeckungen auszutauschen und an die Gruppe weiterzugeben. Ein wichtiger Schritt für die Entwicklung einer Kultur.

Vorteile des Rudellebens

Eine Forschungsgruppe australischer Anthropologen, die eine ähnliche Meinung wie Wolfgang Schleidt vertritt, glaubt sogar, dass der Hund der entscheidende Faktor war, weshalb sich unsere Vorfahren letztendlich gegenüber dem Neandertaler durchsetzen konnten. Neandertaler hatten wohl einfach keine Hunde.
(Autor: Alexander Weis)

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