Wildtier-Lexikon: Faultier | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Wildtier-Lexikon: Faultier

Steckbrief, Systematik, Aussehen, Fortpflanzung, Entwicklung, Lebensweise, Verhalten und Ernährung. Hätten Sie's gewusst?
 
Faultier © Thomas Brodmann / animals-digital.de
Faultiere bewegen sich nur 1,8 - 2,4 m in der Minute.

Steckbrief

  • Körperlänge: 50 - 65 cm
  • Gewicht: 4 - 9 kg
  • Lebenserwartung: 30 - 40 Jahre (nicht gesichert)
  • Verbreitung: Mittel- und Südamerika
  • Lebensraum: Tropenwald
  • Artbestand: Kragenfaultier gefährdet

Systematik

  • Klasse: Säugetiere
  • Ordnung: Zahnarme
  • Familie: Faultiere
  • Gattung: Zweifingerfaultier, Dreifingerfaultier
  • Art: Unau (Choloepus didactylus) Hoffmann-Zweifinger-Faultier (Choloepus hoffmanni) Dreifinger-Faultier (Bradypus tridactylus) Kapuzenfaultier (Bradypus cuculliger) Kragenfaultier (Bradypus torquatus)

Aussehen

Weil sie die meiste Zeit mit dem Rücken nach unten in Bäumen hängen, ist der Körper der Faultiere ganz an das Leben über Kopf angepasst: So sind beispielsweise ihre inneren Organe wie Leber und Magen nach hinten verlagert, und auch ihr Haarkleid hat den Scheitel nicht wie die meisten anderen Fellträger am Rücken, sondern am Bauch. So kann der Regen gut abtropfen, auch wenn das Faultier mit dem Bauch nach oben hängt. Das Fell ist aber nicht nur deshalb einen genaueren Blick wert. Die einzelnen Haare haben auch kleine Rillen, in denen sich Algen ansiedeln. Die lassen das Fell grünlich schimmern und verbessern die Tarnung der Baumbewohner. Arme und Beine sind im Vergleich zum Körper sehr lang und tragen Sichelklauen, die bis zu 7,5 Zentimeter lang werden können. Damit hat ihnen die Natur zwar eine ausgezeichnete Kletterausrüstung mitgegeben, sie aber am Boden zum hilflosen Herumrobben verurteilt. Wegen der langen Krallen können Faultiere so gut wie gar nicht laufen. Eine weitere Kuriosität ist, dass Faultiere den Kopf wie eine Eule in jede Richtung um 180 Grad drehen können.

Fortpflanzung und Entwicklung

Faultiere haben keine festen Brunftzeiten. Die Tragzeit des Dreifinger-Faultiers dauert vier bis sechs Monate, die des Zweifinger-Faultiers sogar acht oder neun Monate. Generell übernimmt das Weibchen die Aufzucht der Jungen. Wie schon die Paarung spielt sich auch die Geburt des Nachwuchses in den Baumkronen ab. Das Junge hat kurzes, dichtes Haar und seine Augen und Ohren sind geöffnet, wenn es auf die Welt kommt. Die ersten vier Wochen seines Lebens verbringt es im Fell seiner Mutter. Die achtet beim Klettern kaum auf ihr Kind, so dass es sich gut festhalten muss, um nicht von Ästen heruntergeschubst zu werden. Erst mit etwa neun Monaten trauen sich die Jungen, aus eigener Kraft an die Äste zu hängen.

Lebensweise und Verhalten

Die Lebensweise der Faultiere ist mit nur zwei Wörtern sehr gut beschrieben: Unsäglich langsam. Das spart nicht nur Energie, sondern dient auch dem Schutz vor Feinden, denn viele andere Tiere nehmen derartig zeitlupenartige Bewegungen gar nicht wahr. Faultiere dösen rund 15 Stunden am Tag; dabei ziehen sie Kopf und Beine zu sich, um geschützt zu sein, denn ein Nest oder feste Ruheplätze haben sie nicht. Verschiedene Quellen beschreiben sie als überraschend gute Schwimmer.

Kommunikation

Von den Bewohnern der Regenwälder Südamerikas wird das Faultier auch manchmal "Ai" genannt. Denn diesen langgezogenen Laut gibt das Tier in der Paarungszeit von sich - und auch, wenn ihm etwas gerade nicht passt. Die lauten, schrillen Rufe der Weibchen sind dann weithin im Dschungel zu hören und sollen Männchen anlocken.

Ernährung

Auch beim Fressen müssen sich die gemächlichen Dschungelbewohner nicht anstrengen: Ihre Nahrung wächst ihnen nämlich wie im Schlaraffenland regelrecht in den Mund. In den Baumkronen fressen sie einfach Blätter, Sprösslinge, Blüten und Früchte, die sie mühelos erreichen können. Nur wenn der alte Baum leer gegessen und der nächste nicht über die Baumkrone erreichbar ist, erwartet die Faultiere eine schweißtreibende Aufgabe. Dann müssen sie aus den luftigen Höhen zum Boden klettern und dort den Weg zum nächsten Stamm zurücklegen. Ein schwieriges Unterfangen, weil sie dort nur auf dem Bauch liegend vorwärts robben können.

Hätten Sie's gewusst?

Die wirklich sehr eigene Lebenseinstellung dieser zähen Waldbewohner kann man sehr gut an einer kleinen Anekdote von Hermann Tirler nachvollziehen, der einige Jahre in Brasilien mit Faultieren zusammen wohnte: "Eines Abends riecht es plötzlich nach angebranntem Faultier, der brenzlige Geruch kommt aus dem Nebenraum. Wahrhaftig – da sitzt es auf der großen Glühbirne, duselt vor sich hin. Sein Gesäß ist schon bedenklich angesengt und raucht… Doch es bleibt dort eisern sitzen. Wir holen es herunter, aber es will durchaus oben bleiben, klammert sich verzweifelt an und protestiert mit viel "Ai"-Geseufze. Der braune Fleck am unteren Rücken findet seither bei zoologisch interessierten Besuchern besondere Aufmerksamkeit. Eine neue Art? – Nein, nur das eingebrannte Abbild einer 100-Watt-Lampe."
 

Hier ein Faultier-Video:

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