Steckbrief: Rotknievogelspinne | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Steckbrief: Rotknievogelspinne

Die Rotknievogelspinne lebt einzelgängerisch in Erdhöhlen, die mehrere Meter lang und recht tief sein können. Erfahren Sie im Steckbrief alles zu Systematik, Nachwuchs, Aufzucht, Sinnesleistungen, Ernährung und Haltung der Rotknievogelspinne.
 
© Thomas Brodmann / animals-digital.de
Vogelspinnen heißen so, weil ein Kupferstich aus dem späten 18. Jh. eine Avicularia sp. beim Verzehr eines Kolibris zeigt.

Steckbrief

  • Körperlänge: um 8 cm
  • Lebenserwartung: Männchen 6, Weibchen teilweise über 20 Jahre
  • Verbreitung: Südwestküste Mexikos
  • Lebensraum: regengrüne Trockenwälder und -savannen
  • Artbestand: WA Anhang 2, in Deutschland herkunftsnachweispflichtig

Systematik

  • Klasse: Arachnida (Spinnentiere)
  • Ordnung: Araneae (Webspinnen)
  • Familie: Theraphosidae (Echte Vogelspinnen)
  • Gattung: Brachypelma (Mexiko-Vogelspinnen)
  • Art: Brachypelma smithi (Rotknievogelspinne)

Aussehen

Die Rotknievogelspinne ist eine ziemlich große, sehr auffällige Vogelspinne. Ihre Grundfarbe ist Schwarz mit vereinzelten hellgrau-weißlichen Haaren am Körper. Da es mehrere Arten gibt, die ihr sehr ähnlich sehen, zieht man am besten die Färbung der Beine zur genauen Bestimmung heran. Nur bei Brachypelma smithi sind die Knie (Patella) weiß auf schwarzer Basisfarbe mit einer roten Zeichnung in Form eines Flämmchens. Die weiße Farbe ist bei dieser Art nur auf der vom Körper abgewandten Seite vorhanden, also nicht in Form eines Ringes, wie beispielsweise bei Brachypelma annitha. Bei adulten (ausgewachsenen) Tieren sind die Männchen im Körper schlanker gebaut und haben längere, dünnere Extremitäten. Außerdem tragen sie Schienbeinhaken an den Vorderbeinen, die sie bei der Paarung zum Hochstemmen des weiblichen Tieres benötigen.

Nachwuchs und Aufzucht

Fast alle Vogelspinnenarten, also auch B. smithi, werden nur zur Paarung zusammengesetzt. Wichtig ist, dass das Paarungsbecken übersichtlicher gestaltet ist als ein normales Vogelspinnenterrarium, um die Tiere im Notfall schnell wieder trennen zu können. Ein wenig von der Spinnseide des Weibchens, verbracht in das Becken des männlichen Tieres, muss jenes zum Trommeln animieren – dann ist das Männchen paarungswillig. Reagiert das Weibchen auf die Bewegungen des Männchens mit eigenem Trommeln, kommt es zur eigentlichen Befruchtung, die darin besteht, dass das Weibchen vom Männchen mit den bereits erwähnten Schienbeinhaken hochgestemmt wird und dieses dann mit den Tastern (Pedipalpen) das Sperma in die Geschlechtsöffnung der Spinne einführt. Nach erfolgreicher Paarung, die manchmal nur rund eine Minute dauert, versucht das männliche Tier so schnell wie möglich aus der Reichweite der Partnerin zu entkommen und wird von uns sichergestellt. Beleg für eine geglückte Paarung ist eine ausgiebige Reinigung, die beide Tiere an sich vornehmen. Im nächsten Frühjahr spinnt das Rotknievogelspinnenweibchen dann einen Kokon, in dem sich bis zu 600 Eier befinden. Dieser Kokon wird vom Weibchen permanent umhergetragen und vehement verteidigt. Nach ca. 20 Tagen kann man die Spinnenlarven durchschimmern sehen. Nach insgesamt etwa vier Wochen schlüpfen die Jungspinnen, bleiben noch in der Nähe des mütterlichen Baues und fressen selbstständig. Ob man den Kokon extra ausbrütet, bleibt jedem selbst überlassen; das Muttertier tut seinem Nachwuchs nichts, aber die Gefahr des Kannibalismus der Kleinen untereinander wird umgangen, wenn wir sie einzeln in Filmdosen auf feuchter Terrarienerde halten und mit Drosophila füttern.

Lebensweise und Verhalten

Die Rotknievogelspinne lebt einzelgängerisch in Erdhöhlen, die mehrere Meter lang und recht tief sein können. Nachts werden die Unterschlupfe für die Jagd verlassen und spätestens im Morgengrauen wieder aufgesucht. Je wärmer die Jahreszeit ist, desto später verlassen die Spinnen ihre Höhle, um die Tagestemperaturen von bis zu 40° C nicht mehr abzubekommen. In der Paarungszeit werden von den männlichen Brachypelma smithi rund um ihre Eingänge sogenannte „Spermafäden“ gesponnen, um eventuell paarungsbereite Weibchen anzulocken.

Kommunikation und Sinnesleistungen

Die auf dem Vorderkörper sitzenden acht Augen liefern wohl keine gestochen scharfen Bilder, jedoch werden Helligkeitsabstufungen in kleinster Qualität wahrgenommen. Der Tastsinn ist sehr wichtig und ersetzt sozusagen in Verbindung mit der Erschütterungswahrnehmung Geruch und Gehör. Erschütterungen und Schallwellen werden ausgezeichnet wahrgenommen. Ein unbewegliches Beutetier dagegen wird nicht als solches erkannt. Alles, was sich bewegt und dabei nicht spinnenspezifische Abläufe verursacht, wird als Beute/Konkurrenz attackiert oder als Feind gemieden. Der Paarungsablauf ist eine äußerst komplexe Angelegenheit. Inwieweit hierbei doch der Geruchssinn eine gewisse Rolle spielt, ist noch nicht genau geklärt.

Ernährung

Rotknievogelspinnen ernähren sich hauptsächlich von Insekten und anderen Spinnentieren. Sie sind nicht wählerisch und vertilgen auch junge Kleinsäuger. Die Beute muss der Größe des Tieres angepasst werden, sie reicht im Terrarium von Drosophila über Grillen, Heimchen und Heuschrecken bis hin zu tropischen Riesenschaben. Die Unsitte, die Spinnen ausschließlich mit Mäusen zu füttern, führt unweigerlich zu einer gesundheitsschädigenden Verfettung. Ungefähr alle 14 Tage reicht man einer erwachsenen B. smithi fünf bis sieben Grillen (oder eine adäquate Alternative). Vor und während der Häutung wird nicht gefüttert, da die Spinne wehrlos ist und vom Futterinsekt angefressen werden kann.

Haltung

Für eine Rotknievogelspinne sollte ein Terrarium mit den Maßen 40 x 30 x 30 cm (Länge x Tiefe x Höhe) zur Verfügung stehen. Wichtig ist eine Frontsteghöhe von mindestens 10 cm, damit die Tiere graben können. Der Frontsteg ist bei den handelsüblichen Spinnenwürfeln, die eine Falltür und nur eine Abluft an der hinteren Kante der Deckscheibe aufweisen, immer viel zu flach. Arbeiten wir mit so einem Becken, muss eine Zugluft geschaffen werden, z. B. durch das Einklemmen von kleinen Abstandshaltern unter der Frontscheibe, sonst ist keinerlei Luftzirkulation möglich. Eine Beheizung mittels schwacher Lampen von oben ist zweckmäßiger als eine Bodenheizung, da die Tiere bei zu hohen Temperaturen weiter nach unten in das Erdreich vordringen wollen. Als Bodengrund verwenden wir ein Lehm-Erde oder Lehm-Sand-Gemisch, damit gegrabene Wohnbauten nicht in sich zusammenstürzen. Ein Becken zum Trinken sollte nicht fehlen, und man kann noch ein festes Versteck wie z.B. eine halbierte Kokosnuss anbieten. Die Temperatur sollte bei 24 bis 28°C liegen und nachts bis auf Zimmerniveau abfallen. Erreichen wir dabei jahreszeitliche Schwankungen, kommt dies den Ansprüchen von Brachypelma smithi entgegen. Je nach Jahreszeit wird mehrfach wöchentlich gesprüht.

Ähnlich in der Haltung sind eine ganze Reihe von anderen Brachypelma-Arten, so die Goldknievogelspinne (Brachypelma auratum), die Kraushaarvogelspinne (B. albopilosum), die Rotleibvogelspinne (B. vagans) und die Rotbeinvogelspinne (B. emilia). Mit kleinen Unterschieden in Luftfeuchte und Temperaturen kann man auch Vertreter der Gattung Grammostola, z.B. die Rote Chilevogelspinne (G. rosea), pflegen. Bei baumbewohnenden Arten, wie der Gattung Avicularia, müssen das Becken und die Lufttemperatur höher sein.

Hätten Sie's gewusst?

Vogelspinnen heißen so, weil ein Kupferstich aus dem späten 18. Jh. eine Avicularia sp. beim Verzehr eines Kolibris zeigt. Der amerikanische Begriff „Tarantula“ stammt von italienischen Einwanderern, da die Tarantel ursprünglich eine Wolfsspinne aus Norditalien ist. Korrekt heißen diese Tiere auf englisch Bird Eating Spider. Die Giftwirkung der hier besprochenen Art entspricht, wie die der meisten Vogelspinnen, in etwa der eines Bienenstiches.

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