Was tun mit einem Findling? | EIN HERZ FÜR TIERE Magazin

Was tun mit einem Findling?

Nur vorübergehend ist der Nachwuchs von Wildtieren bei menschlichen Adoptiveltern gut aufgehoben. Die besten Überlebenschancen hat ein Junges, egal ob Küken oder Säugling, wenn es mit Artgenossen aufwächst.
 
© Thomas Brodmann / animals-digital.de
Am besten bringt man Wildtierkinder zu Profis.
Ein Softie, der Menschen Hackbällchen aus der Hand frisst, kommt nicht weit im Leben. Flink, fit und jagderfahren muss ein Steinmarder sein, um sich seine Existenz mit Mäusefang sichern zu können. Findelkinder, die in das NABU-Artenschutzzentrum in Leiferde gebracht werden, wachsen darum in einem Steinmarder-Kindergarten auf. Dort spielen und raufen sie miteinander, trainieren den Umgang mit ihresgleichen und gleichzeitig ihre Fitness und Geschicklichkeit. Mit Mäusen und Ratten werden die jungen Jäger auf die Freiheit vorbereitet, denn sie müssen lernen, für ihr Futter zu kämpfen. Damit sie menschenscheu bleiben, haben die Kleinen in ihrem Gehege kaum Kontakt zu den Mitarbeitern der Wildtier-Auffang- und Auswilderungsstation.

Feldhasen brauchen Kontakt zu Artgenossen

Junge Feldhasen, die in der Station landen – meist wurden sie von Katzen "gekidnappt" – haben als Vegetarier freilich ganz andere Ansprüche. Doch auch sie müssen lernen, sich mit Artgenossen auseinanderzusetzen, erklärt Biologin Bärbel Rogoschik. Schließlich sollen sie später an dem großen gesellschaftlichen Ereignis teilnehmen, der Hasenhochzeit. Eine Auswilderungsklappe in dem Freigehege, wo immer mehrere Tiere als Gruppe aufwachsen, überlässt den Hasen die Entscheidung über den Zeitpunkt ihres Abschieds selbst.

Eichhörnchen werden in Jungtiergruppen gehalten

Junge Eichhörnchen hingegen werden zur Auswilderung in parkähnliche Gegenden gefahren, wo Haselsträucher, Eichen und Buchen ihnen genug Futter bieten. Die Gruppe bleibt dort noch eine Weile zusammen, wie es üblicherweise Geschwister tun würden. Das hilft ihnen auch, sich fremden Tieren gegenüber besser durchzusetzen.

Der Vogel muss andere Grünschnäbel kennenlernen

Zumindest einen Kumpel seiner Art in der Kinderstube brauchen auch junge "Grünschnäbel", damit sie sich später als Vogel und nicht als Mensch verstehen. Auf den Menschen geprägte Tiere kommen nämlich ganz schnell in Teufels Küche, wenn sie Zweibeiner attackieren, etwa Krähen oder auch Marder. Viel Liebe, Geduld, Fingerspitzengefühl und endlos Zeit sind nötig, um junge Wildtiere großzuziehen. Und für jedes Tier, jede Art (voriges Jahr kamen in die NABU-Station 184 Tierarten) müssen sich die Biologen, Tierärzte und Tierpfleger etwas Neues überlegen. Siebenschläferbabys zum Beispiel sind winzig und ihre Mäulchen so klein, dass die Pfleger erst mal passende Nuckel organisieren mussten, um die Säuglinge zu versorgen.

Heckenschneiden zerstört auch Kinderstuben

Was einem halbwüchsigen, aus einem Keller geretteten Feldhamster fehlte, fanden sie zufällig heraus, als sie ihm einen Laubhaufen "anboten": Das Tierchen wollte nur ein Winterquartier– und buddelte sich sofort senkrecht ein. Seitdem schläft der Hamster.

Warum werden Wildtiere zu Waisen?

Wildtiere werden aus verschiedensten Gründen zu Waisen: Stürme fegen Eichhörnchenkobel von den Bäumen. Bei Baumfällaktionen werden Kinderstuben von Fledermäusen zerstört. Beim Zurückschneiden von Hecken fallen Nester den Scheren zum Opfer. Dacharbeiten reißen Marder- oderSchlafmausfamilien auseinander. Bei Verkehrsunfällen verunglücken Elterntiere. Und nicht zuletzt bringen Katzen Jungtiere mit nach Hause.

Was tun, wenn man selbst so ein Tierchen findet?

Was tun, wenn man selbst so ein Tierchen findet? Bärbel Rogoschik vom NABU warnt davor, nur scheinbar hilflose Jungtiere mitzunehmen. Man sollte unbedingt prüfen, ob das Tier wirklich verlassen ist. Dazu auf keinen Fall längere Zeit in der Nähe des Findlings bleiben, um eventuell noch vorhandene Eltern nicht zu vergrämen. Erst wenn man sich sicher ist, dass der Findling nicht versorgt wird, oder wenn ein Notfall vorliegt, darf man eingreifen. Ist im Garten ein Vogel aus dem Nest gefallen, kann man ihn vorsichtig in die Hand nehmen und mit Hilfe einer Leiter ins Nest zurücksetzen. Wenn eine Katze einen unverletzten Junghasen mitbringt und man seinen Herkunftsort kennt, bringt man das Tier dorthin zurück. Um den menschlichen Geruch zu beseitigen, rubbelt man ihn vorsichtig mit Gras ab. Sonst informiert man gleich die Jägerschaft (auch Jäger und Förster ziehen Hasen auf). Handelt es sich um nicht jagdbares Wild, wie Eichhörnchen, sind Naturschutzbehörden, Tierheime oder Wildparks die Ansprechpartner. Wenn Sie Greifvögel oder Eulen finden, sind Sie übrigens immer verpflichtet, diese in Auffangstationen zu bringen.

Am besten bringt man Wildtierkinder zu Profis

Egal welches Wildtier (geschützt sind alle) man gefunden hat, man sollte sofort Rat einholen. Das NABU-Artenschutzzentrum in Leiferde ist immer eine gute Adresse (Tel. 053 73 / 6677; Fax 05373 12260). Die besten Überlebenschancen haben Findlinge in einer Wildtierstation. Bis man ihn dorthin gebracht hat, sollte einem Säugetier Feuchtigkeit zuführt werden. Zur Erstversorgung eignet sich Fencheltee, der mit Finger oder Pipette ins Mäulchen geträufelt wird, bei älteren Tieren tunkt man das Mäulchen in den Trinknapf.
Vögel bekommen zur Kreislaufstützung und als rasche Energiezufuhr Traubenzuckerlösung, die man tropfenweise mit dem Finger auf die Schnabelspitze tupft. Oft sind Jungtiere auch unterkühlt. Da hilft eine Rotlichtlampe (Mindestabstand 1 m) oder eine Wärmflasche (Temperatur ca. 35 Grad Celsius).
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