Reportage

Endlich wieder leben

Assistenzhündin Hanni erkennt Allergieschocks und rettet Herrchen Thorsten „Toto“ Habel regelmäßig das Leben.

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Durch Assistenzhündin Hanni hat sich Thorstens Leben verändert. © Sawer Fotografie

Stell dir vor, du begleitest deinen kleinen Sohn auf den Fußballplatz, siehst ihm beim Spielen zu und plötzlich sagt jemand zu dir: „Was ist mit deiner Lippe passiert? Die ist so geschwollen wie ein Fahrradschlauch!“ Was sich im ersten Moment nach harmlosem Lippenherpes anhört, entwickelt sich für Thorsten Habel schon bald zu einer ernsten Bedrohung. An ein halbwegs normales Leben wäre inzwischen ohne Assistenzhündin Hanni gar nicht mehr zu denken. Aber der Reihe nach ... 

Ärtze-Odyssee und literweise Cortison 

Man sieht es ihm nicht an. Thorsten „Toto“ Habel leidet seit nunmehr 14 Jahren an Anaphylaxie, einer akuten, allergischen Reaktion des Immunsystems. Bis heute ist unklar, wogegen der 42-Jährige genau allergisch ist. Die allergischen Schocks, bei denen Hals, Zunge und Lippen anschwellen, kommen vor allem nachts. Dann muss es schnell gehen, damit Thorsten nicht erstickt. 

Etliche Male lag der Dortmunder schon auf der Intensivstation des Krankenhauses, bevor er, nach einer langen Ärzte-Odyssee, endlich ein Notfall-Medikament bekam. Im Akutfall spritzt er sich Adrenalin ins Bein und trinkt eine Flasche Cortison. Zwar geht die Schwellung anschließend langsam zurück, doch sein Körper ist danach fix und fertig. Seiner Arbeit als Kundenberater kann er dann nicht mehr nachgehen. Toto arbeitet im Home-Office für ein großes Telekommunikationsunternehmen.

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Eigentlich sollte Hanni zum Blindenführhund ausgebildet werden. © privat

Ist ein Assistenzhund die Lösung?

Sein Arbeitgeber war es auch, durch den er auf das Thema Assistenzhunde aufmerksam wurde. Im Intranet des Unternehmens las er vor knapp fünf Jahren von einer Kollegin aus Düsseldorf, die auf der Suche nach einem Blindenführhund war. Hundefan war Thorsten immer schon, drei Hunde gab es bislang in seinem Leben, die er allesamt aus dem Tierschutz übernommen hatte. „Ganz liebe, dankbare Tiere“, blickt er zurück. Konnte ihm der beste Freund des Menschen in dieser schweren Notlage helfen? 

Toto telefonierte spezialisierte Hundeschulen ab und sprach mit dem Verein Assistenzhunde NRW. Auch von seiner Krankenkasse ließ er sich Listen von Hundeschulen schicken, die medizinische Assistenzhunde ausbilden. Nach vielen Gesprächen dann endlich der Treffer

Ein Ausbilder hatte eine schokobraune Labradorhündin abzugeben. Ursprünglich solltensie und ihre Wurfgeschwister Blindenführhunde werden. Doch schnell war klar, die einjährige Hanni lässt sich zu schnell von Katzen, Skateboards und Eichhörnchen ablenken. Nach zwei Monaten fiel die Entscheidung – zu riskant für einen Blinden. Aber: Wann immer jemand nieste oder hustete, reagierte die Hündin und wurde nervös. Ein Zeichen? 

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Hanni weicht nicht von Thorstens Seite. © Sawer Fotografie

Toto und Hanni – ein Team von Beginn an

Kurzerhand setzte sich Toto ins Auto, um Hanni kennenzulernen. Was dann passierte, damit hätte wohl niemand gerechnet: „Als ich das Hundeschulgelände betrat, kam Hanni sofort angelaufen. Sie legte mir ihre Pfötchen auf die Schulter, leckte mir durchs Gesicht, dann wurde es plötzlich nass an meiner Hose! Sie hatte uriniert! Heute weiß ich, das war nicht aus Freude, sondern weil sie mich markiert hat!“, lacht Thorsten. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick

Die Entscheidung war gefallen, das Training für seine Erkrankung konnte starten. Nachdem Hanni schon ein halbes Jahr als Therapiehund ausgebildet worden war, stand ihr nur noch ein weiteres halbes Jahr Ausbildung bevor. Die Kosten für den fertig ausgebildeten Hund: 13.000 Euro. Von der Krankenkasse gab ́s keine Zuschüsse, der Hund musste aus eigener Tasche gezahlt werden. 

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Hanni darf natürlich auch einfach mal Hund sein und toben. © privat

Hannis Ausbildung zum Therapiehund 

„Wie Hanni ausgebildet wurde, weiß ich nicht“, sagt Thorsten, „da wollte sich der Ausbilder nicht in die Karten schauen lassen. Bei mir zu Hause ist sie schlussendlich nur auf meinen Geruch geprägt worden. Dazu musste ich vorher T-Shirts mehrere Nächte tragen. Außerdem lernte sie, mir mein Notfallmedikament zu bringen, wenn ich mir an den Hals fasse und huste.“ 

Fest steht, ein Vorzeigehund war Hanni zunächst nur in Bezug auf ihren Job als medizinischer Assistenzhund, den sie von Anfang an tadellos ausführte. „In dem Punkt ist sie ein Naturtalent. Aber was das Thema Erziehung und Rangordnung angeht, hatte ich ganz schön zu kämpfen. Hanni hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Die Leinenführigkeit war ein großes Problem. Ohne Leine wiederum ließ sie sich nicht abrufen. Sie ist eben ein Freigeist und es hat ganz schön gedauert, bis wir zu dem Team geworden sind, das wir heute sind. Aber jetzt ist alles gut.“ 

Hanni, die Rettung auf vier Pfoten

Inzwischen ist Hanni fünf Jahre alt und seit nunmehr drei Jahren bei ihrem Besitzer. Bevor sie in sein Leben getreten ist, hatte er Angst vor dem Einschlafen, um nicht zu ersticken. Mittlerweile weiß Thorsten genau, dass er sich zu 100 Prozent auf die Hündin verlassen kann. Über ihre feine Nase nimmt sie die Stoffe wahr, die er vor einem allergischen Schock ausschüttet. 

Sie warnt mit Bellen, wird nervös oder bringt direkt die lebenserhaltenden Medikamente. Zwar haben die Anfälle von Thorsten nicht nachgelassen, doch er braucht nur noch selten ärztliche Hilfe und kann endlich ein weitgehend normales Leben führen. 

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Hanni bringt Thorsten von sich aus seine Notfallmedikamente. © Sawer Fotografie

Toto und Hanni auf Instagram

Und genau dieses Leben mit einem medizinischen Assistenzhund stellt er seit Dezember 2019 Interessierten auf seinem Instagram-Account vor. Seitdem steigen die Follower-Zahlen kontinuierlich. Längst sind diverse Fernsehsender auf Toto und seine süße Labrador-Dame aufmerksam geworden, der WDR war schon da, RTL zog nach und begleitete das Mensch-Hund-Team für einen Beitrag in den Supermarkt. 

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Hanni hat es sogar schon ins Fernsehen geschafft. © privat

Mit seinem Instagram-Account möchte Toto eine Lanze für Hunde brechen, die ihren Menschen helfen. Er möchte zeigen, dass die Fellnasen noch mehr können als Blindenführhund oder Diabetikerhund zu sein. Gleichzeitig ist es ihm wichtig, aufzuklären, was es heißt, mit einem Assistenzhund zu leben, wie viel Verantwortung und Fürsorge damit einhergeht, aber auch welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnen. 

„Hanni ist als Assistenzhündin natürlich ständig an meiner Seite. Ich nehme sie mit in den Supermarkt und letztes Jahr sind wir zum ersten Mal gemeinsam geflogen. Sie durfte mit in die Kabine.“ Die Reaktionen anderer Menschen auf das Tier sind in den meisten Fällen positiv. „Wenn ich mal ohne Hund einkaufen gehe, werde ich gleich nach ihr gefragt. Überall lerne ich inzwischen neue Menschen kennen, die mich darauf ansprechen, dass Hanni so bildhübsch ist und so glänzendes Fell hat.“ 

Hanni ist für Toto eben nicht nur eine Lebensretterin, er liebt auch ihre Gesellschaft. „Meine Freunde sind inzwischen schon genervt, wenn wir Grillpartys mit neuen Gästen feiern und sie schon wieder die Hanni-Geschichte hören müssen“, lacht er, „aber sie wissen, ich brenne einfach für dieses Thema.“ 

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