Nein, die spinnen nicht!

Warum der Klimawandel Spinnen aggressiver macht

Sie trotzen Stürmen oder reisen in Blumentöpfen um die Welt: Spinnen, die Opportunisten der Tierwelt. Ihre Überlebensstrategien in Zeiten des Klimawandels wurden kürzlich in den USA untersucht. Doch auch in Deutschland sind die mitunter giftigen Anpassungskünstler auf dem Vormarsch.

 
Spinne sitzt auf Blatt und schaut in die Kamera. © shutterstock.com
Selbst in Extremsituationen sind Spinnen echte Überlebenskünstler.

Spinnen sind faszinierende Lebewesen – auch, wenn sie dem ein oder anderen Menschen schon mal einen Schauer über den Rücken jagen. Nichtsdestotrotz sind sie ein nützliches Rädchen im Kreislauf der Natur. Besonders beeindruckend sind ihr Sozialverhalten und ihre Anpassungsfähigkeit.
 

Wie Spinnen auf den Klimawandel reagieren

 

Ein Spinnenart sticht durch ihr auffällig differenziertes Sozialverhalten hervor: Anelosimus studiosus. Spinnenforscher wissen schon lange um ihre Fähigkeit, soziale Gruppen zu bilden. Auch kann man besonders aggressive und besonders friedliche Kolonien unterscheiden.


Wissenschaftler der University of California, Santa Barbara fanden nun heraus, dass eine gesteigerte Aggressivität den Spinnen offenbar das Überleben unter veränderten Klimabedingungen ermöglicht. So breiten sich besonders angriffslustige Spinnenkolonien vor allem in Gebieten aus, die vermehrt unter dem Einfluss heftiger Zyklone stehen.
 

Ein Gespinnst im Regenwald von Ecuador
Anelosimus studiosus lebt in Kolonien von bis zu mehreren hundert Tieren. ©shutterstock.com
 

Eine Zahnbürste als Lockmittel

 

Mit Hilfe einer elektrischen Zahnbürste und eines Papierstückchens täuschten die Forscher den Spinnen im Untersuchungsgebiet hilflose Beute vor und dokumentierten ihr Verhalten. Demnach ließen sich in Gebieten, die zuvor durch einen Zyklon zerstört worden waren, überdurchschnittlich viele Spinnen anlocken.

Aggressivere Spinnen jagen nicht nur mehr Beute, sondern verteidigen ihr Revier auch erfolgreicher gegen Artgenossen. Zudem ist der Nachwuchs widerstandsfähiger und nicht so lange auf den Schutz der erwachsenen Tiere angewiesen.

Friedliche Anelosimus studiosus-Kolonien leben im Vergleich deutlich energiesparender, sind aber auf stabile Klimabedingungen angewiesen, um zu überleben.
 

Ein ganz schlimmer Finger


Auch in unseren Gefilden tummeln sich einige anpassungsfähige Spinnen. Die giftige Ammen-Dornfinger-Spinne (Cheiracanthium punctorium) stammt ursprünglich aus Südeuropa, breitet sich aufgrund steigender Temperaturen jedoch auch in Deutschland aus.

Ammen-Dornfinger schaut in die Kamera.

Der Ammen-Dornfinger erreicht eine Körperlänge von bis zu 1,5 Zentimeter. ©shutterstock.com


Ein Biss mit den imposanten Kieferklauen ist nicht tödlich, die Symptome aber sehr unangenehm: Anschwellen der Bissstelle und der betroffenen Gliedmaße, Schwindel, Fieber, Unwohlsein oder Schüttelfrost.
 

Da der Ammen-Dornfinger nachtaktiv ist und eher zu den scheuen Exemplaren gehört, ist ein Aufeinandertreffen mit ihr glücklicherweise unwahrscheinlich. Zudem beißt sie nur zu, wenn sie sich und ihre Brut in Gefahr sieht.
 

Am besten geht man einer potenziellen Begegnung mit ihr einfach aus dem Weg, indem man in den Sommermonaten hohes Gras meidet und einen großen Bogen um ihre Spinnennester macht.
 

Wenn Spinnen per Kaktus reisen

 

Eine besonders reiselustige Spinnenart ist Steatoda nobilis, auch „falsche Witwe“ genannt. Ihr Spitzname kommt nicht von ungefähr, sieht sie der hochgiftigen „Schwarzen Witwe“ doch zum Verwechseln ähnlich.

Glücklicherweise ist ihr Biss nicht tödlich, aber dennoch schmerzhaft – vergleichbar mit dem Stich einer Wespe. In einigen Fällen kann der Schmerz in die Glieder ausstrahlen, Hautrötungen, Fieber und allgemeines Unwohlsein dazukommen. In Großbritannien gilt die „falsche Witwe“ als gefährlichste Spinnenart.
 

Falsche Witwe sitzt auf Baumrinde.
Die „falsche Witwe“ sieht ihrer tödlichen Verwandten zum Verwechseln ähnlich. ©shutterstock.com


Wissenschaftler aus Deutschland und Großbritannien werteten Museumsdaten und bestehende Literatur aus, um mehr über die Verbreitung der „falschen Witwe“ herauszufinden. Demnach ist es wahrscheinlich, dass die Spinnenart nicht wie bisher angenommen in Bananenkisten um die Welt reiste, sondern in Pflanzenkübeln ihren Weg in unsere Breitengrade fand. Bevorzugt in denen von Kakteen!


Ursprünglich auf der der portugiesischen Insel Madeira und den Kanarischen Inseln heimisch, hat die „falsche Witwe“ ihren Lebensraum in den vergangenen 100 Jahren stark vergrößert, schreiben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „NeoBiota“.

Durch den Pflanzenhandel habe sich die Spinne schon vor längerer Zeit in einigen Regionen Westeuropas und des Mittelmeeres angesiedelt. In jüngerer Vergangenheit gelangte sie auch nach Mitteleuropa, Kalifornien und Südamerika.
 

In zwei deutschen Gartencentern haben sich Steatoda nobilis-Kolonien angesiedelt, wie Tobias Bauer vom Naturkundemuseum in Karlsruhe berichtet. Er vermutet, dass die klimatischen Bedingungen in den Gartencentern den Spinnen gefallen – schließlich sind sie denen ihres natürlichen Lebensraumes sehr ähnlich.

Egal ob als blinder Passagier oder mit allen acht Beinen gegen den Sturm: Spinnen erstaunen uns eben immer wieder!

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