Sterbebegleitung auf vier Pfoten

In Hospizen und auf Palliativstationen werden Menschen bis zum Tod begleitet. Für Betroffene und Angehörige oft eine schwere Zeit. Eine außergewöhnliche Unterstützung für sie sind Therapiehunde. Wir haben mit Palliativschwester Ivana Seger gesprochen. Ihre Hunde begleiten Menschen im Hospiz auf ihrem letzten Weg – mit einem einmaligen Effekt.

An der Seite bis zum Schluss: Die Hunde Emma uns Sissi helfen Menschen im Hospiz.
An der Seite bis zum Schluss: Die Hunde Emma uns Sissi helfen Menschen im Hospiz.© Ivana Seger

Das Wort „Hospiz“ weckt bei vielen Menschen ein schlechtes, mulmiges Gefühl. Damit verbunden wird vor allem eins: der Tod. Denn ein Hospiz ist ein Ort, an dem Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet werden. Die Stimmung ist dementsprechend meist gedämpft - sowohl bei den Betroffenen als auch bei den Angehörigen.

Wo Menschen nicht mehr weiterhelfen können, das Gut-Zureden und Aufmuntern nichts mehr bringt, da kommt jemand ganz anderes ins Spiel: die Labrador-Hündinnen Emma und Sissi, die Therapiehunde von Palliativschwester Ivana Seger. Mit Emma hat vor etwa 12 Jahren alles angefangen, leider verstarb sie aber Anfang 2020. Hündin Sissi ist nun in ihre „Pfotenstapfen“ getreten. Die Aufgabe der Hunde: Sie begleiten Menschen im Hospiz auf ihrem letzten Weg – mit einem Effekt, den man sich gar nicht vorstellen kann.

Der Emma-Effekt: Wenn Tiere helfen, wo Menschen nicht mehr können

Um zu verstehen, wie wertvoll die Arbeit von Emma und Sissi ist, muss man sich in die Lage eines kranken Menschen oder dessen Angehörige versetzen. „Ab dem Moment der Diagnose bestimmt eine Krankheit ihr Leben“, erklärt Palliativschwester Ivana Seger. „Das Leben des Betroffenen und der Angehörigen verändert sich.“ Der Gedanke daran, in ein Hospiz zu ziehen, wenn es Zuhause irgendwann nicht mehr geht, ist für viele eine Horrorvorstellung.

„Die Leute kommen im Hospiz an und sind traurig“, erzählt Seger. „Und das erste, was sie bei ihrer Ankunft sehen, ist ein Hund.“ Plötzlich verändere sich die Stimmung der Menschen. Sie seien nicht mehr traurig, sondern freuen sich über das Tier. Die Menschen vergessen für einen Moment ihre Sorgen, sie sprechen nicht mehr über ihre Krankheit, sondern führen plötzlich ganz andere, normale Gespräche. Dadurch seien die Hunde auch für die Angehörigen eine enorme Hilfe, erklärt Seger.

„Hunde schenken Hoffnung, etwas Schönes“, sagt sie. „Sie bringen ein bisschen Normalität.“ Die Aufgabe der Therapiehunde ist deshalb: Da sein. Für Menschen auf ihrem letzten Weg sowie für deren Angehörige und das machen, was Freunde, Bekannte und Pfleger in diesen Situationen oft nicht mehr bewirken können: Ablenken und Trost spenden. Auf ihrer Homepage schreibt Ivana Seger:

Sie (Emma) braucht keine Worte, um Menschen zu trösten. Sie stellt keine Fragen, auf die es sowieso keine Antworten gibt. Sie hört zu, ohne den Menschen dahinter zu bewerten und sie ist einfach nur da. Sie lebt im „Hier und Jetzt“ und genau das ist es, warum die Gäste, aber auch die Angehörigen auf Emma so reagieren.

Ein Beispiel für Emmas Arbeit im Hospiz

Ivana Seger erzählt von einer ihrer ersten Erfahrungen mit Emma und einer kranken Frau. Die Frau sei aufgrund ihrer Krankheit stark depressiv geworden, sprach über nichts mehr als ihre Sorgen und war von niemandem zu trösten. Bis Hündin Emma in ihr Zimmer kam. Die Frau war wie ausgewechselt. Sie sprach über Hunde und war fröhlich. Als ihr Mann sie besuchen kam, konnte er gar nicht fassen, was mit seiner Frau geschehen war. Bis heute hat er ein Foto von Emma und seiner Frau auf seinem Schreibtisch liegen, wie Seger erzählt.

Ivana Seger arbeitet mit ihren Therapiehunden sowohl in Kinder- als auch Erwachsenenhospizen. Bei Kindern gehe es gar nicht um Ablenkung wie bei den Erwachsenen, sondern vielmehr um Entspannung, erklärt die Palliativschwester.
Die Therapiehunde im Hospiz helfen Kindern und Erwachsenen unterschiedlich.
Die Therapiehunde im Hospiz helfen Kindern und Erwachsenen unterschiedlich.© Ivana Seger

Tierische Begleitung bis zum letzten Moment: So helfen Hunde im Hospiz

Wie Palliativschwester Ivana Seger erklärt, gibt es verschiedene Stufen bei der Arbeit der Therapiehunde. Wie weit es geht, sei von den Wünschen des Gastes und dessen Angehörigen abhängig:

  1. Der Hund hält sich einfach nur in dem Zimmer des Gastes auf.
  2. Der Hund kommt ans Bett des Gastes und der kann ihn streicheln und füttern.
  3. Der Hund liegt im Bett des Gastes.
  4. Der Hund liegt im Bett des Gastes, während er stirbt.

In den letzten Lebensstunden oder -minuten werden Menschen oft sehr unruhig. Im Hospiz gibt es mehrere Möglichkeiten, die Sterbenden wieder zu beruhigen, zum Beispiel Aroma-, Klangschalen oder Wärmetherapie. Wenn keine dieser Methoden hilft, sagt Ivana Seger den Angehörigen: „Ich habe noch eine Idee“ und holt ihren Therapiehund.

Die Angehörigen seien dann oft erst verwirrt und lehnen es ab, entscheiden sich aber meist um. Der Hund legt sich in das Bett des Sterbenden und Seger legt dessen Hand auf das Fell des Hundes. „Was dann passiert, ist magisch“, sagt Seger: Die Unruhe verschwindet. Schon 103 Menschen seien mit Emma oder Sissi im Arm verstorben, erzählt die Palliativschwester.

Ohne Worte: Die Hunde sind einfach nur da
Ohne Worte: Die Hunde sind einfach nur da.© Ivana Seger

Warum ein Therapiehund im Hospiz? Wie alles begann

Ivana Seger ist gelernte Altenpflegerin. Vor 30 Jahren arbeitete sie in einer Psychiatrie auf der Station für depressive Menschen. Und da passierte etwas, das ihr Leben veränderte: Sie arbeitete gerade in einem verglasten Büro und konnte von dort aus fünf Patienten sehen, die – wie jeden Tag – still und in sich gekehrt nebeneinander auf einem Sofa saßen. Niemand sagte etwas, die meisten weinten – auch so wie immer.

Doch plötzlich passierte etwas: „Alle fünf sahen hoch, standen auf und gingen in dieselbe Richtung“, erzählt die heute 50-Jährige. Der Grund: Ein Besucher kam mit seinem Hund herein, um eine Patientin zum Spazierengehen abzuholen. „Die ganze Atmosphäre war plötzlich verändert, die Patienten haben miteinander gesprochen“, erinnert sich Seger. Und das alles nur, weil sie einen Hund sahen. Ab diesem Moment war der Hundeliebhaberin klar, dass Tiere den Menschen auf eine außergewöhnliche Weise helfen können und sie später einmal mit einem Therapiehund arbeiten möchte.

18 Jahre lang trug sie diesen Gedanken mit sich herum, bis sie sich im Jahr 2008 für eine Stelle in einem Hospiz beworben und die Idee des Therapiehundes mit eingebracht hat. Das Hospiz war bereit dazu, es auszuprobieren. Und zwei Tage nach dem Vorstellungsgespräch erfuhr Seger zufällig, dass eine Bekannte Welpen bekommen wird. So kam Hündin Emma in ihr Leben. Im Jahr 2014 machte Hündin Sissi das „Emma hilft“-Team komplett.

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Das „Emma hilft“- Team: Ivana Seger mit ihren Hunden Emma (rechts) uns Sissi (links).© Ivana Seger

Anforderungen an einen Hospiz-Hund

Nicht jeder Hund ist als Therapiehund geeignet. Ivana Seger zufolge sollte ein Therapiehund folgende Eigenschaften haben:

  • Er sollte ruhig, aber neugierig sein.
  • Er sollte sich gerne streicheln lassen.
  • Er sollte schnell Vertrauen zu Menschen fassen.
  • Er sollte nicht stürmisch sein.
  • Er sollte kein „Alphatier“ sein, sondern sich gerne führen lassen.

Zusätzlich benötigt der Hund selbstverständlich eine entsprechende Ausbildung als Therapiehund. Als Ivana Seger mit Hündin Emma angefangen hat, gab es noch deutlich weniger Schulen für Therapiehunde als heute. Etwa 80 seien es aktuell in ganz Deutschland, wie Seger erklärt. Einige davon bieten ihr zufolge sogar eine komplette Ausbildung in nur zwei Tagen an. Jedem, der mit seinem Hund eine Ausbildung zum Therapiehund machen möchte, rät Seger deshalb folgendes:

  • Die Ausbildung sollte mindestens 6 bis 8 Monate dauern.
  • Hund und Mensch sollten bei der Ausbildung gemeinsam ausgebildet werden.

Es ist sehr empfehlenswert, in eine gute Ausbildung zu investieren, denn der „Job“ als Therapiehund ist für die Tiere sehr anstrengend. Sie müssen daher gut darauf vorbereitet werden.

Die Hunde Emma und Sissi im Hospiz.
Die Hunde Emma und Sissi im Hospiz.© Ivana Seger

Herausforderungen für einen Palliativ-Hund

Bei der Arbeit in einem Hospiz gibt es für Hunde viele Herausforderungen. Wie Palliativschwester Ivana Seger erklärt, sind das vor allem drei Aspekte:

  1. Die Gerüche. Im Hospiz gibt es zum Teil sehr markante Gerüche, beispielsweise wenn ein Tumor nach außen wächst. „Für Menschen riecht das schon oft unangenehm“, so Seger. Man kann also nur erahnen, wie es für einen Hund sein muss. Durch Training könne man den Hund aber daran gewöhnen.
  2. Die Stimmung. Die Menschen im Hospiz sind meist sehr traurig, die Stimmung bedrückend. „Fremde Hunde würden eigentlich niemals zu diesen Menschen hingehen“, erklärt Seger. Sie würden die schlechte Stimmung meiden. Ein Therapiehund muss aber trotzdem auf die fremden, traurigen Menschen zugehen.
  3. Der Tod. Wenn ein Mensch stirbt, verändert sich für den Hund alles: die Temperatur, der Geruch, die Körperhaltung und die Stimmung. Das ist herausfordernd. Wie Seger erklärt, merken ihre Therapiehunde, wenn es „soweit ist“. Kurz bevor der Mensch stirbt, in dessen Bett sie liegen, schauen sie ihr Frauchen an. „Als würden sie sich versichern wollen, dass alles in Ordnung ist“, so Seger. Sie gibt ihnen dann zu verstehen, dass alles okay ist und die Hunde bleiben liegen. Wenn das passiert, könne sie den Angehörigen auch immer sagen, dass sie sich nun verabschieden können, erzählt sie.

Damit diese Herausforderungen für den Hospizhund nicht zu viel werden, beschränkt sich die Zeit, die Segers Hunde täglich im Hospiz sind, auf zwei Stunden, egal wie viel „Arbeit“ es theoretisch noch gäbe. „22 Stunden am Tag muss der Hund Hund sein können“, sagt Seger. Das sei ganz wichtig. „Man darf die Tiere nicht dazu missbrauchen.“

Buch: "Der Emma-Effekt"

Ihre Erfahrungen schrieb Ivana Seger in einem Buch auf: „Der Emma-Effekt“ heißt es. „Das Buch ist für jeden geeignet, der in einem pflegerischen, medizinischen, pädagogischen oder sozialen Beruf arbeitet“, so Seger. „Und für Menschen, die nach Herausforderungen für ihren Hund suchen.“ Außerdem möchte sie Angehörigen mit diesem Buch helfen und zeigen, dass Hospize nicht diese düsteren, schlimmen Orte sind, für die sie oft gehalten werden.

Buch "Der Emma Effekt" über die Arbeit der Hospizhunde
„Der Emma-Effekt“: Ivana Segers Buch über ihre Erfahrungen als Palliativschwester mit Therapiehund im Hospiz.© Ivana Seger

Können alle Tiere dem Menschen helfen?

Wenn man die Geschichte von Ivana Seger und ihren Hunden liest, stellt man sich vielleicht die Frage: Haben alle Tiere diesen „Emma-Effekt“? Ist es nicht so, dass Tiere allgemein ablenken und trösten können? Wer ein Haustier hat, hat sich sicher schon einmal von ihm „getröstet“ gefühlt, einfach nur durch seine Anwesenheit.

Wie Ivana Seger erklärt, sei das aber so pauschal nicht zu sagen, da das ganz vom Tier abhängig ist. Es gebe auch Tiere, die sich im Falle von zum Beispiel Krankheiten eher entfernen. Daher ist für eine professionelle Arbeit auf jeden Fall eine gute Ausbildung nötig. Aber eins ist auf jeden Fall sicher: Tiere können uns in einer Art und Weise helfen, wie es Menschen niemals tun könnten. Hunde wie Emma und Sissi sollte es deshalb in noch viel mehr Einrichtungen in Deutschland geben, die Menschen in schweren Phasen begleiten.

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